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Warum gibt es immer weniger Schmetterlinge?

⏱ 15 Min. Lesezeit

Rettet die Schmetterlinge! – Das wissenschaftliche Lebenswerk von Prof. Dr. Josef H. Reichholf

Naturschutz · Entomologie · Ökologie · Ein Werkporträt

Das wissenschaftliche Lebenswerk von Prof. Dr. Josef H. Reichholf: fünf Jahrzehnte Forschung, erschütternde Daten und ein dringendes Plädoyer für den Schutz der Insekten.


Inhaltsverzeichnis

  1. Biografie und wissenschaftlicher Werdegang
  2. Die Forschungsmethode: 50 Jahre Lichtfang
  3. Kernbefunde: Zahlen und Daten
  4. Ursachen des Schmetterlingssterbens
  5. Der Statusbericht der Deutschen Wildtier Stiftung (2017)
  6. Das Buch: Schmetterlinge (2018)
  7. Forderungen und Maßnahmen
  8. Ausgewählte Werke im Überblick
  9. Rezeption und Auszeichnungen
  10. FAQ: Häufige Fragen zum Schmetterlingsterben

1. Biografie und wissenschaftlicher Werdegang

Josef Helmut Reichholf wurde am 17. April 1945 in Aigen am Inn, Niederbayern, geboren. Sein Vater fiel noch vor seiner Geburt im Zweiten Weltkrieg in Polen; er wuchs bei Mutter und Großmutter am Ufer des Inn auf — einer Landschaft, die seine lebenslange Faszination für Natur und Wildtiere prägte. Schon als Kind begann er im niederbayerischen Inntal, Schmetterlinge zu beobachten und zu katalogisieren.

Nach dem Studium der Biologie, Chemie, Geografie und Tropenmedizin ermöglichte ihm ein Stipendium einen einjährigen Aufenthalt in Brasilien, wo er über tropische Artenvielfalt forschte. 1969 promovierte er über am Wasser lebende Schmetterlinge — der Beginn einer formalen Forschungskarriere, die faktisch bereits Jahre zuvor mit seinen eigenen Lichtfangstationen im Inntal begonnen hatte.

Zeitleiste

JahrEreignis
1945Geburt in Aigen am Inn, Niederbayern. Erste Naturbeobachtungen am Ufer des Inn.
1960erBeginn systematischer Schmetterlingsbeobachtung im Inntal mit Lichtfangstationen.
1969Promotion über am Wasser lebende Schmetterlinge. Start der kontinuierlichen Langzeitdaten, die über 50 Jahre reichen sollten.
1970Mitgründung der „Gruppe Ökologie“ in München mit Bernhard Grzimek, Horst Stern und Hubert Weinzierl — eine Keimzelle des späteren BUND.
1974Übernahme der Sektionsleitung Ornithologie an der Zoologischen Staatssammlung München (bis 2010).
2005Verleihung der Treviranus-Medaille, der höchsten Auszeichnung des Verbands Deutscher Biologen.
2007Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
2010Ruhestand. Rabenschwarze Intelligenz wird „Wissenschaftsbuch des Jahres“.
2017Veröffentlichung des Statusberichts „Das Verschwinden der Schmetterlinge“ im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung.
2018Erscheinen des Buches Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet (Hanser Verlag). Ernennung zum Ehrenpräsidenten des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern.

Reichholf ist Honorarprofessor der Technischen Universität München und war Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland. Er gilt in der Öffentlichkeit als streitbarer Querdenker: Einer, der wissenschaftliche Redlichkeit über institutionelle Loyalität stellt und bereit ist, unbequeme Wahrheiten auszusprechen — sei es gegenüber der Landwirtschaftspolitik, dem offiziellen Naturschutz oder dem Klimadiskurs.


2. Die Forschungsmethode: 50 Jahre Lichtfang

Das methodische Herzstück von Reichholfs Schmetterlingsforschung ist die kontinuierliche Erfassung mit UV-Lichtfallen — eine Methode, die er seit 1969 an mehreren Standorten in Südbayern einsetzt. Die Besonderheit dieser Methode: Die Falter werden nicht beschädigt, und anders als bei gewöhnlicher Straßenbeleuchtung werden die Tiere nicht als Beute für Fledermäuse exponiert. Ein Kollege der Zoologischen Staatssammlung konnte in seiner Doktorarbeit mit markierten Faltern nachweisen, dass die UV-Lichtfalle die Überlebenswahrscheinlichkeit der erfassten Tiere nicht beeinträchtigt.

Die Methode erlaubt sowohl qualitative Erfassung (Artenspektrum) als auch quantitative Auszählung (Gesamtzahl der Individuen). Reichholf hat so über die Jahrzehnte für rund 1.000 Schmetterlingsarten Häufigkeitsdaten erhoben — ein in Deutschland einzigartiger Datensatz privater Langzeitforschung.

„Die Spitzenwerte in früheren Zeiten waren nahezu 1.000 Schmetterlinge in 180 verschiedenen Arten in einer Nacht. Aber das sind vergangene Zeiten.“

— Josef H. Reichholf, Vortrag beim Expertenforum der Deutschen Wildtier Stiftung, 2017

Entscheidend ist, dass Reichholfs Erhebungen nicht in Naturschutzgebieten stattfanden, sondern in der typischen Kulturlandschaft Südbayerns — an Ortsrändern, im Auwald, in Fichtenforsten, auf Fluren und an Brachflächen. Die Befunde spiegeln also den Zustand der gewöhnlichen, alltäglichen Landschaft wider, nicht den von Sonderhabitaten.


3. Kernbefunde: Zahlen und Daten

Die Forschungsdaten, die Reichholf über mehr als fünf Jahrzehnte zusammengetragen hat, zeichnen ein erschreckendes Bild. Alle zentralen Parameter — Individuenzahl, Artenvielfalt, geografische Verbreitung — weisen in dieselbe Richtung.

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

  • Weniger als 20 % der früheren Häufigkeit nachtaktiver Schmetterlinge sind noch vorhanden (gegenüber Ende der 1960er Jahre)
  • −57 % Rückgang der Artenvielfalt im selben Zeitraum (1969 bis heute)
  • Mehr als 70 % Rückgang der Offenlandarten (Wiesenfalter); Waldarten blieben stabiler
  • −89 % Rückgang der Falter im Juni am Ortsrand (Vergleich 1977 zu 2016)
  • −75 % Jahresbilanz am Rand von Agrarflächen durch Randeffekte der Pestizide
  • Nur noch ca. 4 % der früheren Insektenhäufigkeit am Ortsrand direkt an Agrarflächen

Was blieb stabil — und warum

Nicht alle Artengruppen waren gleichermaßen betroffen. Reichholf unterscheidet klar zwischen Gewinnern und Verlierern des Wandels:

ArtengruppeEntwicklung
Offenland-/Wiesenarten (Bläulinge, Schachbrettfalter, Feuerfalter)Massiver Verlust (>70 %)
Waldarten (Auwald, Fichtenforst)Weitgehend stabil
Raupen auf Brennnesseln (Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge)Fluktuierend, tendenziell stabil
Großschmetterlinge (Brauner Bär, Mittlerer Weinschwärmer)Massive Rückgänge
Stickstofftolerante Ruderalpflanzen-RaupenLeicht stabil / zugenommen

Das Muster ist eindeutig: Wer auf magere, warme, offene Böden angewiesen ist — also auf die traditionelle Kulturlandschaft — verliert. Wer stickstoffreiche Bedingungen toleriert oder vom Wald profitiert, hält sich. Die Münchner Innenstadt schnitt in Reichholfs Vergleichsdaten zuletzt besser ab als das umliegende Land.


4. Ursachen des Schmetterlingssterbens

Reichholf benennt die Ursachen des Schmetterlingssterbens klar und ohne Beschönigung. Sein zentrales Argument: Es ist nicht der Klimawandel, der die Schmetterlinge tötet — sondern die industrialisierte Landwirtschaft, insbesondere Überdüngung und Pestizideinsatz.

Eutrophierung: Die stille Vergiftung der Landschaft

Der Eintrag von Stickstoff — sowohl über Gülle und Kunstdünger direkt auf Feldern als auch über die Luft in bisher magere Naturräume — führt zu einem Zuwachsen der Landschaft. Auf nährstoffreichen Böden wächst Vegetation schnell, dicht und hoch. Das hat fatale Folgen für wärmeliebende Insekten: Der Boden wird kühler und feuchter. Reichholf kritisiert, dass meteorologische Messgeräte diese bodennahe Abkühlung nicht erfassen, weil sie in der falschen Höhe platziert sind.

Deutschland weist laut Reichholf zwei massive Überdüngungszonen auf: den Nordwesten und den Süden. In diesen Regionen kommen mehr als 100 Kilogramm Reinstickstoff pro Hektar und Jahr über den Bedarf der Pflanzen hinaus in den Boden.

Pestizide: Spritzen bis an den Gartenzaun

Es existieren keine Pufferzonen zwischen landwirtschaftlichen Flächen und angrenzenden Gärten oder Wegrändern. Anders als bei Windrädern — wo die Bevölkerung Mindestabstände erkämpft hat — darf bis unmittelbar an Privatgrundstücke gespritzt werden. Die Folge: ein Rückgang der Schmetterlinge am Ortsrand von 89 Prozent im Juni (Vergleich 1977/2016).

Maisanbau und Biogaspolitik

Ein besonders scharfes Urteil fällt Reichholf über den Maisanbau für Biogas, den er als ökologisch katastrophal bezeichnet. Die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) subventionierte Maismonokultur verdrängt artenreiche Wiesen und versorgt zudem Wildschweine mit Nahrung — ein Beispiel für perverse Fehlanreize der Umweltpolitik.

Kommunale Pflege: Kahl statt klug

Straßenränder, Verkehrsinseln und Dämme werden zwei- bis dreimal jährlich komplett gemäht — nicht aus ökologischer Notwendigkeit, sondern weil Kommunen die Pflege an Privatfirmen vergeben, die pro Quadratmeter oder Zeitaufwand bezahlt werden und daher maximale Kahl-Mahd betreiben. Das vernichtet systematisch Blütenpflanzen, Schmetterlingseier und -raupen.

„Das Land ist inzwischen unter das Niveau der Großstädte gesunken. In Berlin lebt es für Schmetterlinge und Co garantiert besser als in großen Teilen unseres Umlandes.“

— Josef H. Reichholf, Vortrag 2017


5. Der Statusbericht der Deutschen Wildtier Stiftung (2017)

Im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung erstellte Reichholf den Statusbericht „Das Verschwinden der Schmetterlinge“, der seine Erhebungen aus über vier Jahrzehnten zusammenfasst. Der Bericht wurde am 21. August 2017 auf einer Pressekonferenz in Hamburg vorgestellt und am 10. November 2017 beim dritten Expertenforum der Stiftung in Berlin unter dem Titel „Rettet die Wiesen“ der Öffentlichkeit übergeben.

Die Erhebungen umfassen mehrere Standorte: die ländliche Gegend um Aigen am Inn (Inntal), den Münchner Stadtrand und Vergleichsflächen in Wäldern und Auenbereichen. Auf Ackerflächen nahe Aigen am Inn zählte Reichholf nur etwa ein Drittel so viele Schmetterlinge wie am Rande der Münchner Innenstadt — ein eindrückliches Indiz für die Überlegenheit städtischer gegenüber intensiv landwirtschaftlich genutzter Räume in Bezug auf Insektenvielfalt.

Zur Ergänzung des Statusberichts erschienen zudem großräumige Kartierungen der Schmetterlinge in Südostbayern — ein rund 100-seitiger Bericht, der mit Mitteln der Deutschen Wildtier Stiftung ermöglicht wurde und der zeigt, dass der Großteil der Arten im Verschwinden begriffen ist oder seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr vorkommt.

Über 50 Prozent der Tagfalterarten in Deutschland stehen heute auf der Roten Liste. Der Statusbericht bestätigt diesen Befund aus langjähriger Feldforschung: dramatischer Rückgang sowohl der Artenvielfalt als auch der Individuenzahlen.


6. Das Buch: Schmetterlinge (2018)

Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet Hanser Verlag, München · 288 Seiten · ISBN 978-3-446-26033-7 Erschienen: 18./24. September 2018 · Taschenbuch: ISBN 978-3-548-06053-8

In diesem Buch verdichtet Reichholf sein halbes Jahrhundert Feldforschung zu einem zweifachen Werk: Im ersten Teil führt er den Leser in die faszinierende Lebenswelt der Schmetterlinge ein — artenreich, farbenprächtig, ökologisch unverzichtbar. Im zweiten Teil liefert er die nüchterne Diagnose: Die Schmetterlinge sterben aus, und sie sterben an Subventionen — denn die industrielle Landwirtschaft wird durch Steuergelder finanziert, die das Artensterben mitbezahlen.

Das Buch ist sowohl wissenschaftliches Dokument als auch persönliches Bekenntnis: Reichholf erzählt von seinen ersten Beobachtungen als Jugendlicher im Inntal, von der Entdeckungsfreude des Sammelns und Bestimmens, von Begegnungen mit einzelnen Arten, die ihn begleiteten. Er schreibt mit einer Leidenschaft, die — wie Nabokov für die Literatur — den Leser von der Magie dieser Tiere einnimmt, bevor er ihn mit der Wucht des Verlustes konfrontiert.

Presseecho

„Die Schmetterlinge werden von unseren Steuergeldern ausgerottet. Reichholf ist gelinde im Ton, doch radikal in dem, was er meint. Wenn man Reichholfs Buch am Ende dennoch nicht in erbitterter, sondern in heiterer Stimmung aus der Hand legt, so liegt das an der Art, wie er zu erzählen vermag.“

— Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 9. Oktober 2018

„Das Buch lenkt den Blick auf Vorgänge innerhalb des gesamten Ökosystems, die alle angehen, ob nun Falterkenner oder nicht.“

— Peter Henning, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Oktober 2018

„Reichholf bietet nicht nur einen oft unterhaltsamen Einblick in seine Feldforschung, er möchte zugleich die Begeisterung für die Schmetterlinge wecken, und das gelingt ihm.“

— Andrea Lüthi, NZZ am Sonntag, 9. Dezember 2018


7. Forderungen und Maßnahmen

Reichholf ist kein reiner Mahner — er formuliert konkrete, zum Teil unmittelbar umsetzbare Maßnahmen. Sein Maßnahmenkatalog gliedert sich in strukturelle Reformen und sofort realisierbare lokale Schritte.

  1. Düngung reduzieren: Input soll gleich dem Output werden. Überschüsse an Gülle sind abzubauen, Futtermittelimporte (die Stickstoff de facto importieren) zu reduzieren.
  2. Pestizid-Pufferzonen: Mindestens 2 Meter breite pestizidfreie Streifen an allen Flurstückrändern — finanziert durch Umwidmung bestehender Agrarsubventionen.
  3. Straßenränder schonen: Verkehrsinseln und Wegränder müssen nicht mehrmals jährlich kahl gemäht werden. Wildblumenwiesen gefährden keine Verkehrssicherheit.
  4. Dämme als Refugien: Fluss- und Küstendämme bieten kilometerlange Flächen, die als Schmetterlings-Lebensräume entwickelt werden könnten, statt uniformer Mahd zu verfallen.
  5. Schmetterlingswiesenprogramm: Pro 1.000 Einwohner 1 Hektar kommunale Schmetterlingsfläche. Inspiriert von Peter Bertholds Aktion „Jeder Gemeinde ein Biotop“.
  6. Bürgerschaftliche Pflege: Nicht staatlicher Naturschutz, sondern lokale Initiative. Anwohner, die Flächen betreuen und schützen, sind wirksamer als Naturschutzgebiets-Ausweisungen ohne Konsequenzen.

Für die Fluren ist Reichholf pessimistisch: Er hält sie für verloren, solange die Subventionspolitik nicht grundlegend umgestaltet wird. Doch für kommunale Flächen, Wegränder, Dämme und städtische Brachen sieht er reale Chancen — und zwar sofort, ohne neue Gesetze.


8. Ausgewählte Werke im Überblick

1969 — Promotion: Am Wasser lebende Schmetterlinge

Dissertation · Zoologische Staatssammlung München

Der Ausgangspunkt: Reichholfs wissenschaftliche Karriere beginnt mit der systematischen Untersuchung hygrophiler Schmetterlingsarten. Im selben Jahr starten seine Lichtfangdatenreihen im Inntal.

2007 — Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends

Fischer Verlag

Reichholf argumentiert, dass Klimaerwärmung nicht zwingend zu Artenverlust führt, und lenkt den Blick auf die real drängenderen Probleme: Eutrophierung, Futtermittelimporte, Biodiversitätsverlust durch Intensivlandwirtschaft.

2010 — Rabenschwarze Intelligenz

Fischer Verlag · Wissenschaftsbuch des Jahres 2010

Bestseller über die kognitive Leistungsfähigkeit von Rabenvögeln. Zeigt Reichholfs Fähigkeit, komplexe ökologische und verhaltensbiologische Zusammenhänge für ein breites Publikum aufzubereiten.

2016 — Evolution. Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur

Hanser Verlag · Wissensbuch des Jahres

Reichholf beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen menschlicher Entwicklung und natürlichen Systemen — ein Rahmenwerk, in dem auch das Schmetterlingsproblem verortet werden kann.

2017 — Statusbericht: Das Verschwinden der Schmetterlinge

Deutsche Wildtier Stiftung · Hamburg/Berlin · ca. 100 Seiten

Wissenschaftlicher Statusbericht auf Basis von über vier Jahrzehnten Lichtfangdaten. Erstmals systematisch zusammengefasste Langzeitdaten zur Häufigkeit und Artenvielfalt der Schmetterlinge in Südbayern.

2017 — Symbiosen / Haustiere (Reihe Naturkunden)

Matthes & Seitz, Berlin · Beide als Wissensbuch des Jahres ausgezeichnet

Zwei Bände über ökologische Wechselbeziehungen und die Domestikation von Tieren.

2018 — Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet

Hanser Verlag, München · 288 S. · ISBN 978-3-446-26033-7

Das zentrale Werk zur Schmetterlingsthematik. Synthese aus persönlicher Naturgeschichte, wissenschaftlicher Analyse und politischem Appell.

2019 — Das Leben der Eichhörnchen

Hanser Verlag

Fortführung von Reichholfs populärwissenschaftlichem Werk zur Tierwelt Mitteleuropas.

2020 — Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte

Hanser Verlag

Evolutionsbiologische Betrachtung der Mensch-Hund-Beziehung als Fallstudie zur Koevolution.


9. Rezeption und Auszeichnungen

Josef H. Reichholf ist eine der wenigen wissenschaftlichen Stimmen Deutschlands, die gleichzeitig als anerkannter Forscher, erfolgreicher Buchautor und politischer Mahner wahrgenommen werden.

Wissenschaftliche Auszeichnungen

  • Treviranus-Medaille (2005) — höchste Auszeichnung des Verbands Deutscher Biologen
  • Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2007) — Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
  • Grüter-Preis für Wissenschaftsvermittlung
  • Rabenschwarze Intelligenz: Wissenschaftsbuch des Jahres (2010)

Reichholfs Position im Diskurs

Reichholf ist kein bequemer Wissenschaftler. Er kritisiert den offiziellen Naturschutz für Ineffizienz (Naturschutzgebiete schützen oft nicht), die Klimabewegung für Dogmatismus (die Fixierung auf CO₂ lenke von Eutrophierung und Biodiversitätsverlust ab) und die Landwirtschaftspolitik für strukturelle Fehlanreize. Sein Kernsatz: Grün ist nicht gleich gut — politisches Grün, das Biogasmais subventioniert, zerstört mehr Natur als es schützt.

In der Frage des Insektensterbens steht Reichholf inzwischen im Mainstream der Forschung: Die 2017 veröffentlichte Krefelder Studie, die einen Rückgang der fliegenden Insekten um über 75 Prozent in Naturschutzgebieten dokumentierte, bestätigte seine Befunde im Wesentlichen.

Reichholf bleibt aktiv als Botschafter der Deutschen Wildtier Stiftung und Ehrenpräsident des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Sein Werk steht für eine Wissenschaft, die nicht resigniert, sondern hartnäckig Alarm schlägt — und zugleich die Schönheit dessen feiert, was noch zu retten ist.


10. FAQ: Häufige Fragen zum Schmetterlingsterben

Viele Menschen bemerken es in diesen Jahren: Früher tanzten im Sommer Dutzende Schmetterlinge über Wiesen und Gärten, heute sieht man kaum noch welche. Das ist kein Zufall und keine Einbildung. Die Wissenschaft hat eindeutige Antworten — und Prof. Josef H. Reichholf hat sie nach 50 Jahren Forschung gesammelt.

Warum gibt es in diesem Jahr so wenige Schmetterlinge?

Was sich wie ein schlechtes Jahr anfühlt, ist in Wirklichkeit das Ende eines langen Absturzes. Seit den späten 1960er Jahren sind in Deutschland über 80 Prozent aller Schmetterlinge verschwunden — Individuen wie Arten. Prof. Reichholfs Lichtfangdaten aus dem Inntal, die von 1969 bis heute reichen, zeigen: Wir erleben heute weniger als 20 Prozent der früheren Häufigkeit. Was wir vermissen, gab es vor einer Generation noch in Hülle und Fülle.

Wo sind die ganzen Schmetterlinge geblieben?

Vor allem von den Feldern und Wiesen sind sie verschwunden — also genau dort, wo man sie früher am häufigsten sah. Die Offenlandarten (Bläulinge, Schachbrettfalter, Feuerfalter, Segelfalter) sind um mehr als 70 Prozent zurückgegangen. Im Wald und in der Stadt ist die Lage etwas besser. Das klingt paradox, ist es aber nicht: Parks, Brachen und ungepflegte Ecken in Städten bieten mehr Lebensraum als flurbereinigter Mais-Acker.

Wieso gibt es immer weniger Schmetterlinge — was sind die Hauptursachen?

Die drei wichtigsten Ursachen laut Reichholf: Erstens die Überdüngung — zu viel Stickstoff aus Gülle und Kunstdünger lässt Gras schnell und dicht wachsen, magere Blütenpflanzen verschwinden. Zweitens der Pestizideinsatz, der in Deutschland bis direkt an Gartenzäune und Wegränder erlaubt ist — ohne jede Pufferzone. Drittens der Maisanbau für Biogas, der artenreiche Wiesen in eintönige Monokulturen verwandelt hat. Alle drei Ursachen werden durch Steuergelder subventioniert.

Sind Schmetterlinge wirklich vom Aussterben bedroht?

Viele Arten bereits ja. Über 50 Prozent der deutschen Tagfalterarten stehen heute auf der Roten Liste. Arten wie der Kleine Feuerfalter und der Segelfalter sind in großen Teilen Deutschlands weithin verschwunden. Bläulinge — früher auf jeder Sommerwiese — sind heute vielerorts gar nicht mehr zu sehen.

Haben Schmetterlinge mit dem Klimawandel abgenommen?

Reichholf widerspricht hier der gängigen Erzählung: Der Klimawandel ist nicht der Haupttreiber des Schmetterlingssterbens in Deutschland. Im Gegenteil — Schmetterlinge sind wärmeliebende Tiere. Das eigentliche Problem ist, dass die intensive Landwirtschaft den Boden kühler und feuchter macht als er klimatisch sein müsste: Dichtes Gras durch Überdüngung lässt kaum noch Sonnenwärme auf den Boden. Die Fixierung auf den Klimawandel lenkt laut Reichholf von den drängenden, sofort lösbaren Problemen ab.

Was kann ich persönlich für Schmetterlinge tun?

Im eigenen Garten: heimische Wildblumen pflanzen (Flockenblume, Hornklee, Wiesenknopf), Pestizide weglassen, eine ungepflegte Ecke stehen lassen. In der Gemeinde: Dafür einsetzen, dass Straßenränder und Grünstreifen nur einmal im Jahr gemäht werden — und zwar abschnittsweise, nicht alles auf einmal. Reichholfs konkreter Vorschlag: Pro 1.000 Einwohner sollte jede Kommune mindestens 1 Hektar als Schmetterlingsfläche anlegen und pflegen lassen. Das funktioniert — ohne neue Gesetze, sofort.

Warum sieht man auf dem Land weniger Schmetterlinge als in der Stadt?

Weil die Agrarlandschaft für Insekten inzwischen feindlicher ist als der städtische Raum. Reichholfs Vergleichsdaten aus München und dem ländlichen Inntal belegen es: Am Stadtrand Münchens flogen bis 2010 deutlich mehr Schmetterlinge als auf Ackerflächen nahe Aigen am Inn. Berlin hat sogar mehr Schmetterlinge als viele bayerische Agrarlandschaften. Das liegt an Parks, Brachen, ungepflegten Randflächen und dem Fehlen von Pestizidsprühungen im Stadtgebiet.

Welche Schmetterlingsarten sind am stärksten betroffen?

Besonders stark zurückgegangen sind alle Wiesenarten: Bläulinge (Hauhechel-Bläuling, Silbergrüner Bläuling), Schachbrettfalter, Kleiner Feuerfalter, Segelfalter und Schwalbenschwanz. Auch Großschmetterlinge wie der Braune Bär und der Mittlere Weinschwärmer haben massiv abgenommen. Stabiler blieben Waldarten und Raupen, die auf stickstoffliebende Pflanzen wie Brennnesseln angewiesen sind — also Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge, die man noch gelegentlich sieht.


Quellen

  • Josef H. Reichholf: Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet. Hanser Verlag, München 2018 (ISBN 978-3-446-26033-7)
  • Deutsche Wildtier Stiftung: Statusbericht „Das Verschwinden der Schmetterlinge“ (2017)
  • Wikipedia-Eintrag Josef Reichholf (de.wikipedia.org)
  • Vortragsmitschnitt Expertenforum 2017, Deutsche Wildtier Stiftung (YouTube)
  • Rezensionen: Süddeutsche Zeitung (09.10.2018), FAZ (12.10.2018), NZZ am Sonntag (09.12.2018)
  • Pressekonferenz Deutsche Wildtier Stiftung, Hamburg, 21. August 2017

Alle Zahlangaben entstammen Reichholfs eigenen Veröffentlichungen und dem Statusbericht 2017.

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